„Vor allem die Zunahme von Adipositas bei Kindern macht mir Sorgen“

Herr Dr. Immler, wie viele Menschen in Deutschland leiden an Adipositas?
Dr. Immler: Etwa jeder Vierte hat einen BMI (Body-Mass-Index) von über 30, hier beginnt der „Adipositas Grad I“, also die Fettleibigkeit. Übergewicht, also einen BMI von über 25, haben weitaus mehr Menschen – in Deutschland etwa 58 Prozent der Bevölkerung (67 Prozent der Männer, 52 Prozent der Frauen).
Wo liegt Deutschland damit in der Welt? Wo leben die meisten Menschen mit einem BMI über 30, wo die wenigsten?
Dr. Immler: Auf kleinen Inseln im Südpazifik. Amerikanisch-Samoa hat laut der Weltgesundheitsorganisation WHO einen Anteil von 75 Prozent adipöser Menschen, in Tonga sind es 72 Prozent. Die USA liegen mit 42 Prozent ebenfalls weit vorne, Deutschland mit etwa 24 Prozent im Mittelfeld. Ganz am Schluss befinden sich einige asiatische Länder, etwa Vietnam (2 Prozent), Japan (5) oder Südkorea und Indien (7). In Asien ernährt man sich abwechslungsreicher, kalorienärmer. Viel Fisch, Gemüse, Obst, Vitamine, wenig tierische Fette. Kohlenhydrate nehmen die Menschen fast nur in Form von Reis zu sich. Vieles wird gedämpft, gedünstet oder gegrillt statt in Öl gebraten.
Geht der Trend zur Adipositas weltweit weiter nach oben?
Dr. Immler: Eindeutig nach oben. 2014 waren weltweit 1,9 Milliarden Menschen übergewichtig, 2022 waren es bereits 2,6 Milliarden. Die Zahl der stark Übergewichtigen stieg in dieser Zeit von 600 auf 890 Millionen Menschen. Vor allem die Zunahme von adipösen Kindern macht mir Sorge. In Deutschland liegt der Adipositas-Anteil bei Kindern bei neun Prozent, weltweit hat sich dieser Anteil in den letzten dreißig Jahren vervierfacht. Studien zeigen zudem, dass adipöse Kinder etwa 13 Prozent schlechtere Leistungen bringen in der Schule. Mobbing in der Schule hat daran sicher einen Anteil, aber nicht nur.
Warum fällt es uns so schwer, abzunehmen?
Dr. Immler: Die gesamte Entwicklung des Menschen war geprägt durch einen Mangel an Nahrung. Die Fähigkeit, Kalorien zu speichern in Form von Fettgewebe, war über Millionen von Jahren ein großer Überlebensvorteil. Wollte der Mensch etwas zum Essen haben, musste er jagen und Tiere erlegen, Früchte sammeln, das bedeutet: Er musste sich immer viel bewegen. Was sich in den letzten Jahrzehnten massiv gewandelt hat ist nicht der Mensch, sondern die Verhältnisse, in denen wir leben. Lebensmittel sind jetzt überall leicht erhältlich und erschwinglich. Gleichzeitig bewegen wir uns nicht mehr genug, kaum einer arbeitet noch körperlich, stattdessen sitzen wir am PC und am Handy, beruflich und privat, und abends noch am Fernseher. Studien zeigen: Zwischen 1975 und 2019 ist die tägliche Kalorienzufuhr der Menschen in Industrienationen von 2700 auf 3200 angestiegen bei gleichzeitig verringertem Verbrauch. Das hinterlässt Spuren.
Kann man dennoch abnehmen?
Hat man erst einmal ein deutliches Übergewicht erreicht, ist es extrem schwierig, wieder davon loszukommen, da der Körper diese Form behalten will. Erfolgreich sind letztlich nur langfristig angelegte Maßnahmen mit Ernährungsumstellung und vermehrter Bewegung im Alltag. Dies muss aber dann kontinuierlich beibehalten werden. Kurzdiäten bringen nachhaltig nichts, nur Jojo-Effekte.
Warum helfen Ihre Operationen (Schlauchmagen, Bypass) den betroffenen Patienten?
Dr. Immler: Patienten mit einer ausgeprägten Adipositas haben langfristig betrachtet ohne eine Operation fast keine reelle Chance, ihr Gewicht massiv und nachhaltig zu reduzieren. Die notwendige Gewichtsreduktion ist zu hoch, und die langfristigen Erfolgsraten sind ganz gering. Die Bewegungsmöglichkeiten dieser Patienten sind erheblich eingeschränkt, die Lebensqualität ist extrem schlecht. Schon Schuhebinden oder normales Gehen ist beschwerlich. Wenn auch ein mittelfristiger konservativer Therapieversuch (Ernährungstherapie, Bewegungstherapie) keinen Erfolg bringt, ist eine Operation indiziert und letztlich auch das einzige, was wirklich hilft. Das hat drei Gründe: Die Operation greift in die körpereigene Regulation ein, verringert das Hungergefühl dauerhaft und beschleunigt das Sättigungsgefühl. Sie sorgt außerdem dafür, dass man nicht nur ein paar wenige Kilos abnimmt, sondern durchschnittlich 40 bis 50 Kilogramm verliert. Und sie beseitigt oder reduziert durch diese Gewichtsabnahme auch Begleiterkrankungen.
Wie stufen Sie die neuen Abnehmspritzen Wegovy und Mounjaro ein?
Dr. Immler: Momentan ist es noch sehr früh, diese Medikamente in die Gesamtbehandlung der Adipositas richtig einzuordnen. Sie sind sicher hilfreich und eine Möglichkeit für Patienten, für die bisher keine eigentliche Therapie bis auf eine Ernährungsberatung vorhanden war. Also für Patienten, die noch nicht für eine Operation in Frage kommen, aber trotzdem eine Gewichtsreduktion wünschen. Für beginnend adipöse Menschen wird dies sicher auch in Zukunft eine gute Option sein. Nachteile sind eine schlechte Verträglichkeit bei einem Teil der Patienten und vor allem die hohen Kosten. Außerdem sind diese Abnehmspritzen eine lebenslange Dauerbehandlung. Da diese Medikamente als Life-Style- Medikamente eingestuft werden, werden sie für diese Indikation nicht von der Krankenkasse übernommen. Für ausgeprägt Adipöse wird auf absehbare Zeit die Operation die Methode der Wahl bleiben.